Weihnachtsserie, Teil 2: Der Alltag im Bunker und die Aufstiegsfeier

Weil er in seinem Heimatland aus religiösen Gründen verfolgt wurde, machte sich Chris Musa Muhammed auf, in Europa sein Glück zu suchen (siehe Teil 1 der Weihnachtsserie). Im zweiten Teil erklärt der 19-jährige Nigrer, wie sich ein Bunker von einem Gefängnis unterscheidet, wie er die Schweiz erlebt hat und welch glücklichen Momente er im Sportclub Zollikon erlebte.

Aufgezeichnet und übersetzt von Dennis Bühler

 

„Der Bunker unter dem Parkplatz gleich neben der Forchstrasse war nun für etwa ein Jahr mein Zuhause. Gemeinsam mit 17 anderen Asylbewerbern aus Afrika teilte ich mir Küche, einen Schlaf- und einen Aufenthaltsraum. Das Handy funktioniert innerhalb der dicken Bunkermauern nicht. Esswaren konnte ich in den vier Kühlschränken, die wir haben, nicht aufbewahren. Es wäre sogleich von Mitbewohnern geklaut worden. Ich hatte hier tagein, tagaus nichts zu tun. Ich bewegte mich nur zwischen Bett und Wohnzimmer, wo wir zumeist CNN schauten. Dadurch hat sich immerhin mein Englisch stark verbessert.

Wenn ich mit Kollegen in die Stadt Zürich fuhr – was wir ohnehin kaum taten, weil wir uns den Billetpreis für die Forchbahn nur selten leisten konnten –, wurden wir andauernd von Polizisten kontrolliert. Auch wenn wir uns nicht auffällig verhielten. Wir hätten in der Stadt nichts zu suchen und sollten zurück in unser Asylheim, sagten sie uns.

Zwischen einem Gefängnis und unserem Bunker gibt es nur einen Unterschied: Wir haben die Möglichkeit rauszugehen, wenn wir dies wollen. Da wir draussen aber nichts zu tun haben, da wir nicht arbeiten dürfen, ist der Unterschied letztendlich gering. Der Name und die Flagge der Schweiz sind in Afrika vielen Menschen bekannt, dort gelten sie als Symbol für Menschlichkeit. Ich aber habe in der Schweiz, abgesehen von den Erlebnissen in meinem Fussballverein, nur selten christliche Nächstenliebe erlebt.

Der Mann mit der Sporttasche in der Forchbahn

Mein grösstes Glück in den letzten anderthalb Jahren war es, beim Sportclub Zollikon Fussball spielen zu können. Ich liebte diesen Sport schon im Niger, doch ich hätte nicht gedacht, dass ich ihn während meines Asylprozesses würde ausüben können.

In der Forchbahn sah ich eines Tages einen Mann mit einer grossen Sporttasche, in deren Innern sich ein Fussball abzeichnete. Ich sprach ihn an und fragte, ob es für mich eine Möglichkeit gebe, in der Nähe Fussball zu spielen. Erst riet er mir, mich beim nahen FC Egg zu melden, doch dann erzählte er mir, dass sein Bruder beim SC Zollikon Trainer eines Teams sei. Ich gab ihm meine Telefonnummer – und zwei Tage später rief Ben Crawshaw an. Sein älterer Bruder Colin, der Mann mit der Sporttasche, hatte ihm von mir erzählt. Ben lud mich ein, ein Probetraining mit seiner Mannschaft zu absolvieren. Schon beim ersten Telefongespräch sagte ich ihm: „Don´t worry, wenn ich mitspielen darf gewinnen wir die Meisterschaft!“

„Weisse Menschen umarmten mich, ich war einer von ihnen“

Es war noch Winter, als ich zum ersten Mal mit dem SCZ trainierte. Nie zuvor hatte ich auf einem Kunstrasen gestanden, und doch konnte ich den Trainer überzeugen. Wenig später setzte er mich erstmals in Testspielen ein, dann auch in der Meisterschaft. Mitspieler schenkten mir meine ersten richtigen Fussballschuhe. Ich habe sie noch heute, in der Zwischenzeit musste ich sie mit Klebestreifen flicken. Mein Fussballteam wurde zu meiner Schweizer Familie. Ich bin in der „Familia SC Zollikon“ auf Verständnis gestossen, auf so viel Liebe, mir wurde die Hand gereicht. Es tut mir weh, meine Familie nun zurücklassen zu müssen.

Die beiden emotionalsten Momente in meinem Leben habe ich in den vergangenen zwei Jahren erlebt: Zuerst, als unser Boot spanisches Festland erreichte. Da dachte ich, mein Leben wende sich endlich zum Guten; das zweitemotionalste Erlebnis meines Lebens war das Aufstiegsspiel mit der 2. Mannschaft des SCZ zum Ende der vergangenen Saison. Gegen den FC Glattbrugg schoss ich den wichtigen Führungstreffer, am Schluss gewannen wir gegen unseren ersten Verfolger 3:1 und konnten den Aufstieg in die 4. Liga feiern. Weisse – entschuldigt bitte diesen Ausdruck, doch dies war speziell schön für mich – Menschen umarmten mich, ich war einer von ihnen, wir waren eine grosse Familie, die zusammen feierte. Ich werde diesen Tag nie vergessen. Ich bin so dankbar, dass ich Teil der Geschichte dieses Vereins habe werden dürfen.“

 

 

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Die SCZ-Weihnachtsserie mit Chris Musa Muhammed

Vom 24. bis 26. Dezember erzählt Chris Musa Muhammed, der ein Jahr lang für die zweite Mannschaft des SCZ gespielt hat, auf der Vereinshomepage seine Lebensgeschichte. Eine Erzählung, die zum Nachdenken anregen soll – gerade in der Weihnachtszeit.

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Lest morgen, 26. Dezember, wie es Chris zu schaffen machte, dass er seine Familie nicht wie erwartet unterstützen konnte, und weshalb er sich entschied die Schweiz zu verlassen. Und warum er sagt: „Blicke ich in meine Zukunft, sehe ich nur eine grosse Leere.“

 

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