Weihnachtsserie, Teil 3: Nothilfe, grosse Leere und wenig Hoffnung

Nach seiner Flucht vom Niger in die Schweiz (siehe Teil 1) lebte Chris Musa Muhammed ein Jahr im Armeebunker unterhalb des Forchparkplatzes. Abgesehen von seinen neuen Freunden des Sportclubs Zollikon habe er in der Schweiz nur selten christliche Nächstenliebe erlebt, sagt der Afrikaner (siehe Teil 2). Im dritten und letzten Teil der SCZ-Weihnachtsserie erzählt Chris, warum er nächtelang wach lag und weshalb er nun nach Nigeria auswandert. Und warum er nur eine grosse Leere sieht, wenn er an seine Zukunft denkt.

Aufgezeichnet und übersetzt von Dennis Bühler

 

„Solange mein Asylverfahren lief, erhielt ich zwölf Franken pro Tag. Mehr als die Hälfte der 360 Franken, die ich monatlich erhielt, schickte ich meiner Familie. Meine Mutter hat zehn Kinder zu ernähren, meine jüngsten Geschwister sind noch sehr jung. Ich bin ja selbst erst 19 Jahre alt.

Seit Mai, seit mein Asylbegehren abgelehnt wurde, erhielt ich nur noch Nothilfe. Das Geld reichte nur gerade, dass ich hier überleben konnte. Meiner Familie konnte ich kein Geld mehr schicken. Das macht mir extrem zu schaffen, es ist sehr hart für mich. Ich lag nächtelang wach, ich hielt mich für einen Versager. Ich denke, dass es mir hier etwas besser geht als meinen Angehörigen im Niger. Ich habe dieses Glück nicht verdient. Meine Verwandten setzten so grosse Hoffnung in mich, und ich habe es nicht geschafft. Es tut so weh, dass ich mich hier nicht durchgesetzt habe.

„Ich bete dafür, dass mir Nigeria zur Heimat wird“

Morgen verlasse ich die Schweiz. Hier bin ich ständig der Gefahr ausgesetzt, ausgeschafft zu werden. Die Behörden würden mich in den Niger ausfliegen, mein Heimatland. Dort aber würde ich aus religiösen Gründen verfolgt, vielleicht sogar getötet.

Ich werde den Zug nach Spanien nehmen. Beim Grenzübertritt werde ich mich verstecken müssen, wenn Zöllner durch den Zug marschieren sollten. In Spanien werde ich einige Tage bei Freunden bleiben, die ich nach meiner geglückten Einreise aus Marokko vor zwei Jahren kennengelernt habe. Danach versuche ich, einen Flug nach Lagos zu buchen, in die nigerianische Hauptstadt. Ich bin noch nie geflogen, ich habe keine Ahnung, wie lange der Flug dauern wird.

In Nigeria kenne ich niemanden. Nur meine Verlobte. Ich habe sie übers Internet kennengelernt, persönlich habe ich sie noch nie getroffen. Ich bete dafür, dass ich es nach Nigeria schaffe, dass ich mich gut mit meiner Verlobten verstehe und wir heiraten werden. Ich bete dafür, dass mir Nigeria die Heimat wird, die die Schweiz nicht werden wollte.

„Dann wäre ich der glücklichste Mensch der Welt“

Blicke ich in meine Zukunft, sehe ich nur eine grosse Leere. Ich weiss nicht, was Gott mit mir vorhat. Ich verliess Afrika vor zwei Jahren voller Hoffnung, voller Traurigkeit gehe ich zurück.

Und doch nehme ich viele glückliche Erinnerungen mit, vor allem an meine zahlreichen neuen Freunde vom Sportclub Zollikon, an meine zweite Familie also. Zum Abschied erhielt ich zur Erinnerung mein Dress mit der Trikotnummer 12 geschenkt. Ich werde meine Zeit im SCZ-Trikot nie vergessen. Viele Vereinsmitglieder haben Geld gespendet, damit ich die Rückreise nach Afrika überhaupt antreten kann. Ich bin so dankbar. Möge Gottes Segen mit ihnen sein.

Meine erste Familie – meine Mutter und meine Geschwister – werde ich vielleicht nie wieder sehen. Ich habe grosses Heimweh nach ihnen. Aber ich möchte meine Familie nur sehen, wenn es ihr besser geht. Es ist meine Aufgabe, für ihr Wohl zu sorgen. Gelingt mir dies und kann ich meine Verwandten dereinst wieder in die Arme schliessen, wäre ich der glücklichste Mensch der Welt.“

 

***

Die SCZ-Weihnachtsserie mit Chris Musa Muhammed

Vom 24. bis 26. Dezember erzählte Chris Musa Muhammed, der ein Jahr lang für die zweite Mannschaft des SCZ gespielt hatte, auf der Vereinshomepage seine Lebensgeschichte. Eine Erzählung, die zum Nachdenken anregen soll – gerade in der Weihnachtszeit.

***

Chris ist mittlerweile in Martorell, Spanien, angekommen. Er wird übermorgen Freitag nach Nigeria fliegen.

 

<- Teil 1
<- Teil 2