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Zum Tod von Heini Oechslin: Der Sportclub trauert um eine Vereinslegende

Heini Oechslin ist 87-jährig verstorben. Der Gründer und langjährige Inhaber des weitherum bekannten «Fussballcorner Oechslin» hat sich auch für den SCZ verdient gemacht: Anfang der 80er-Jahre ermöglichte er als Trainer den erstmaligen Aufstieg in die 2. Liga, im Jahr 2001 wurde er zum Ehrenmitglied ernannt. Erinnerungen an eine prägende Figur unserer Vereinshistorie.

Am 4. Januar 2021 ist Heinrich «Heini» Oechslin 87-jährig in Zürich gestorben. «Nach einem langen, mit viel Herz und Grosszügigkeit erfüllten Leben, welches er stets seinem geliebten Fussball widmete, ist er von uns gegangen», heisst es in der Todesanzeige. «Er bleibt in unserer Erinnerung.»

Dies gilt nicht nur für seine Angehörigen und tausende Fussballfans, die in seinem Spezialgeschäft «Fussballcorner Oechslin» am Schaffhauserplatz in Zürich ihre ersten Nockenschuhe kauften, sondern auch und gerade für den Sportclub Zollikon. In unserem Verein nämlich hat Heini Oechslin tiefe Spuren hinterlassen.

«Ich habe meine Versprechungen immer gehalten»

Zum SCZ kam Oechslin im Sommer 1979, zu einem für den Verein schwierigen Zeitpunkt. Als der damals 45-Jährige einige Monate zuvor seine Bereitschaft erklärt hatte, ab der Saison 1979/80 gemeinsam mit Assistenztrainer und Masseur Armin Honko die 1. Mannschaft zu übernehmen, deutete noch kaum etwas daraufhin, dass sich diese bald in den Niederungen der 4. Liga befinden könnte – ein einziger Punkt aus den verbleibenden letzten vier Saisonspielen hätte ihr zum Klassenerhalt genügt. Das Team von Trainer Röbi Willimann aber schaffte es nicht, einen seiner vier Matchbälle zu verwerten, und so fand sich der ambitionierte Oechslin auf einmal in der 4. Liga wieder. Seine Zusage zurückzuziehen sei für ihn dennoch nicht in Frage gekommen, erinnerte sich Oechslin Mitte der 2000er-Jahre, als er für die damalige SCZ-Vereinszeitschrift «Dribbling» porträtiert wurde. «Ich habe meine Versprechungen immer gehalten.»

Im ersten Training mit den Zolliker Fussballern gab Oechslin sein Motto bekannt, wie sich Weggefährten noch heute erinnern: «Ein Training fällt nur aus, wenn ein Krieg ausbricht oder wenn es ein Erdbeben gibt – nie aber wegen schlechten Wetters.» Der Eifer zahlte sich aus, sogleich gelang dem «Eis» der Wiederaufstieg in die 3. Liga (nicht zuletzt dank eines Hattricks von Pierre «Pipo» Ecklin beim 5:0 im Entscheidungsspiel in Greifensee).

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Mit dem SCZ gegen Köbi Kuhn gespielt

In der Saison 1980/81 erreichte das Team den dritten Tabellenrang, danach durfte es im Rahmen der Festivitäten zur Einweihung eines zweiten Fussballfeldes auf dem Riet gegen die Zürcher Alt-Internationalen um Köbi Kuhn und Bigi Meier antreten. Im Sommer 1982 gelang dann sogar der erstmalige Aufstieg in die 2. Liga, wobei Oechslin zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr an der Seitenlinie stand. Wenige Wochen zuvor war er zum FC Thalwil gewechselt und von Renato Armellino ersetzt worden, der als Spielertrainer vom FC Baden nach Zollikon kam. Auch wenn Oechslin nie länger als drei, vier Jahre bei einem Verein ausharrte, blieb er all seinen Stationen ein Leben lang verbunden: Nicht nur dem FC Wollishofen, den er 1952 mitgegründet hatte und auf dessen Sportanlage Sonnau er bis vor wenigen Jahren regelmässig anzutreffen war.

Sondern auch dem SC Zollikon. Mit seinem Geschäft war er lange Jahre ein wichtiger Sponsor und Partner unseres Vereins. Gegründet hatte Oechslin seinen «Fussballcorner» bereits 1974. Zunächst war er beim Milchbuck präsent, ab 1976 dann am Schaffhauserplatz. Zuvor hatte er bei Bally als Geschäftsführer und Chefeinkäufer für Handtaschen Erfahrungen gesammelt. «Ich habe mein ganzes Herz und Vermögen in den ‚Fussballcorner’ gesteckt, obwohl mir einige Leute davon abgeraten haben», sagte er einst dem «Tages-Anzeiger». Weil Fussball ein saisonaler Sport sei und die Spielpausen im Hochsommer und im Winter das Geschäft vermiesen würden, solle er sich besser auf mehrere Sportarten abstützen. Oechslin liess sich jedoch nicht von seiner Idee abbringen – und hatte bald grossen Erfolg. 1988 schrieb die NZZ, sein Sortiment sei selbst im internationalen Vergleich derart einmalig, dass Kunden von weither an den Schaffhauser Platz reisen würden: Wo sonst gebe es Theorietafeln zu kaufen, Massagekoffer und «natürlich Dutzende von Fussballschuhmodellen, auch aus feinstem Känguruhleder, mit Stollen und Nocken»?

Rabatt selbst dann, als der «Fussballcorner» rote Zahlen schrieb

In den Anfangsjahren lockte Oechslin die Kundschaft häufig mit Weltstars, die sich für Autogrammstunden in seinem Geschäft einfanden (darunter etwa Ruud Gullit). Andere Fussballer gingen im ersten Fussballfachgeschäft der Schweiz ein und aus, bevor sie zur grossen Karriere ansetzten: So verdienten sich als Teilzeitangestellte beispielsweise Urs Fischer, heute Trainer des Bundesligisten Union Berlin, Urs Schönenberger, später als Trainer mit Thun in der Champions League erfolgreich, oder Gianpietro «Frank» Zappa einen Zustupf im «Fussballcorner».

Für den SCZ war Oechslin mit seinem Angebot stets die perfekte Adresse für Match-Tenues und Fussballschuhe. Auch in Zeiten, in denen das Geschäft rote Zahlen schrieb und zuzugehen drohte, war er immer bereit, uns einen ansehnlichen Rabatt auf unsere Einkäufe zuzugestehen. Ebenso hat er uns zuverlässig mit Preisen für unsere Grümpis und Jassturniere ausgestattet. Und bei jedem unserer Besuche in seinem Laden hat Oechslin sich für die Situation des SC Zollikon interessiert. Warum der SCZ in den Neunzigerjahren in eine sportliche Krise geriet, die ihn zeitweise bis in die 5. Liga führte, konnte er nie richtig nachvollziehen. «Der Verein machte wohl den Fehler, viele Auswärtige zu holen», wurde er im besagten «Dribbling»-Artikel zitiert. «Als diese den Abstieg nicht verhindern konnten, machten sie sich alle aus dem Staub – und alles brach auseinander.»

Mitte der Nullerjahre attestierte Oechslin dem SCZ das Potenzial für die 3. Liga – ein Ziel, das die 1. Mannschaft im Jahre 2011 unter dem Trainerduo Alain Merkli und Nicolas Fürer dann auch endlich erreichte. Viel mehr sei heutzutage kaum mehr möglich, wenn ein Verein auf Zahlungen an Spieler verzichte, sagte Oechslin. «Und Geld ist in der Nachwuchsförderung gewiss besser eingesetzt.» Nach dem Aufstieg 2011 war er einer der ersten Gratulanten und offerierte dabei der Mannschaft eine grosse Getränkerunde.

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Die Erinnerungen seines ehemaligen Spielers

Diese Herzlichkeit und Nähe zum SCZ beschränkte sich allerdings nicht nur auf die sporadischen Treffen und Gespräche in seinem Geschäft. Sehr häufig konnte man Oechslin an Spielen unserer Teams und praktisch jährlich an den Generalversammlungen auf dem Riet begrüssen – immer mit einem freundlichen Wort und einem Lächeln im Gesicht.

Auch bei seinen ehemaligen Schützlingen, den von ihm trainierten Spielern der 1. Mannschaft, hat er einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Nach dem Abgang von Röbi Willimann habe sich das Team im Umbruch befunden, erinnert sich Peter «Chäsli» Kies. Oechslins Antritt als neuer Trainer habe sich in der Region herumgesprochen und etliche seiner früheren Spieler dazu bewogen, beim SCZ einzusteigen.

Peter Kies: «Innert Kürze verstand es Heini, das Team mit den punktuellen Ergänzungen zusammenzuschweissen und auch im Umfeld des Vereins Begeisterung zu entfachen. So zog er bei unseren Zusammenzügen nicht nur den Masseur mit ein, sondern immer wieder auch andere Personen – von Schiedsrichtern über das Platzwartehepaar und den ZoBo-Redaktor bis zum Leibchensponsor oder Verbandsobrigen. Die Trainingsgestaltung war legendär, berüchtigt waren vor allem die endlosen Hürdenläufe auf dem Riet und die regelmässigen Sprintwettbewerbe. Die Resultate blieben nicht aus und der Aufstieg in die 3. Liga gelang gleich im ersten Anlauf. Einen Namen machte sich Heini mit der Einführung des indirekten Penaltys. Diese wurden zu jener Zeit nie angewandt, auch wenn sie gemäss Reglement zugelassen waren. Da sich die Schiedsrichter dessen des Öfteren nicht bewusst waren, avisierte Heini sie zur Entwirrung jeweils vor dem Spiel. Dank gezieltem Training der selektiv bezeichneten Schützen wurden diese Penaltys immer zum Spektakel und auch Erfolgserlebnis.

Die Siegeswelle blieb auch bei der Bevölkerung nicht unbemerkt und lockte wieder manche Zuschauer aufs Riet und sogar zu Auswärtsspielen. Dies wusste der geschäftstüchtige Trainer insofern zu nutzen, als er ein Totosystem einführte, welches der Mannschaftskasse zugutekam und dem Team zahlreiche Ausflüge ermöglichte: Wir verreisten in Skiweekends, verbrachten Wochenenden mit Freundschaftsspielen und besuchten Spiele im Ausland, zum Beispiel in London. Unvergesslich waren zudem die von ihm an solchen Anlässen regelmässig durchgeführten Lottospiele, an denen er seine Grosszügigkeit mit Preisen aus dem ganzen Sortiment seines ‹Fussballcorners› zeigte.

Das vor Heimspielen anberaumte sonntägliche Mannschaftsfrühstück mit Partnerinnen um 7 Uhr morgens im Hotel Atlantis mit anschliessendem Spaziergang erlangte Kultstatus.

Beliebt war Heini nicht nur dank seines respektvollen Umgangs mit Gegnern, Schiedsrichtern und Eltern, sondern auch bei uns Spielern wegen seines umsorgenden Führungsstiles. Musste ein Spieler wegen Krankheit einem Spiel fernbleiben, war er der erste, der sich nach dem Match beim Spieler oder seinen Eltern telefonisch meldete, um sich nach dem Befinden zu erkundigen und den Spielausgang zu rapportieren. Um die persönlichen Belange der Studenten und der ganz jungen Spieler, auf die er bedingungslos setzte, kümmerte er sich mit Einfühlungsvermögen.

Sein Herz für den SCZ und unsere damalige Mannschaft stellte er auch nach seinem Weggang unter Beweis, indem er regelmässig und bis vor wenigen Jahren ein Ehemaligen-Treffen mit der Aufstiegsmannschaft organisierte, für das die damaligen Spieler aus der ganzen Schweiz anreisten – selbstverständlich durfte auch das Lotto nie fehlen.

Diese Treffen wurden leider in der letzten Zeit immer seltener und so beschränkten sich   unsere Begegnungen auf persönliche Treffen mit vereinzelten Spielern. Noch heute ‹tschüttelen› einige dieser Ehemaligen mit den Veteranen, und nicht selten erinnert einer mit einem Spruch aus Heinis Zitatenschatz an diese menschlich glanzvolle Zeit: So werden beispielsweise Zuspiele von Pedro auch heute noch ab und zu mit ‹helle Wahnsinn› oder ‹Wältklass› kommentiert.

Auch wenn wir auch fussballerisch viel von Heini lernen konnten, bleibt vor allem das Menschliche, das er uns weitergegeben hat, in uns haften. Wir werden an zukünftigen Versammlungen weiterhin und erst recht das ‹Fussballcorner›-Leibchen tragen, nicht nur auf dem Körper, sondern vor allem im Herzen.

Du wirst uns fehlen.»

Wegen seiner Verdienste für den SCZ wurde Oechslin 2001 zum Ehrenmitglied ernannt. Ganz wohl habe er sich bei jener Generalversammlung nicht gefühlt, sagte er einige Jahre später. Er sei schliesslich Trainer gewesen und «als solcher erhält man ja eine Spesenentschädigung und arbeitet nicht ehrenamtlich – daher hätte man eigentlich auch keine Ehrenmitgliedschaft verdient.» Die anwesenden Vereinsmitglieder sahen das jedoch anders und applaudierten lange, nachdem sie ihn in den kleinen Kreis der Ehrenmitglieder aufgenommen hatten.

Mit Heini Oechslin verliert der SCZ nun also ein Ehrenmitglied und gleichzeitig einen der Grossen seiner Vereinsgeschichte. Von ihm Abschied zu nehmen, stimmt uns traurig. Aber dennoch überwiegt die Dankbarkeit für das, was er dem SCZ und uns persönlich gegeben hat und was mir mit ihm erleben durften.

Ruhe in Frieden, Heini…

Im Namen des gesamten SCZ:

Dennis Bühler, Ferry Hermida und Peter Kies